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Parodontitis
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Die Parodontitis (von altgriechisch ĎÎąĎÎŹ para ânebenâ, á˝Î´ÎżĎĎ odous âZahnâ und -itis âEntzĂźndungâ) ist eine chronische, multifaktorielle, entzĂźndliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Parodontium), die mit einem bakteriellen Zahnbelag vergesellschaftet und durch voranschreitende ZerstĂśrung des Zahnhalteapparats gekennzeichnet ist.cite-ref-1[1] Man unterscheidet zwischen der apikalen Parodontitis (von der Wurzelspitze ausgehend) und der marginalen Parodontitis (vom Zahnfleischsaum ausgehend). Die beiden Parodontitiden kĂśnnen auch ineinander Ăźbergehen (Paro-Endo-Läsionen). Die Parodontologie (ÎťĎÎłÎżĎ lĂłgos âWort, Lehreâ) ist die Lehre vom Zahnhalteapparat.
Der Begriff Parodontose ist veraltet und sollte nicht mehr verwendet werden.cite-ref-2[2] In den Leitlinien und auf der Website der Deutsche Gesellschaft fĂźr Parodontologie (DG PARO) wird der Begriff Parodontose nicht mehr verwendet.cite-ref-3[3] Der entzĂźndungsfreie ZahnfleischrĂźckgang oder Zahnfleischschwund wird als Gingivarezession bezeichnet.
Contents
⢠Abgrenzung
⢠Parodontium
⢠Geschichte
⢠Ursachen
⢠Risikofaktoren
⢠Diabetes
⢠Schwangerschaft
⢠Verlauf
⢠Prophylaxe
⢠Diagnostik
⢠Therapie
⢠Prognose
⢠Epidemiologie
⢠Tiere
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Abgrenzung
Dieses Lemma behandelt die marginale Parodontitis. Diese wird weiter unterteilt.
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Hauptartikel
:
Klassifikation der Parodontalerkrankungen
DemgegenĂźber ist die Ursache fĂźr die apikale Parodontitis ein marktoter Zahn. Die Therapie besteht in einer Wurzelkanalbehandlung, einer Wurzelspitzenresektion oder dem Entfernen des Zahnes (Extraktion).
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Hauptartikel
:
Apikale Parodontitis
Parodontium
Der Zahnhalteapparat besteht aus dem Zahnfleisch (Gingiva), dem Wurzelzement, der Wurzelhaut (Desmodont) mit kollagenen Fasern (den sogenannten Sharpeyschen Fasern) und dem Zahnfach.
Geschichte
Die Parodontologie fĂźhrt ihren Ursprung auf John Mankey Riggs (1811â1885) zurĂźck. Die Parodontitis wurde seit der Vorstellung seiner Behandlungstechniken 1876 als Riggs-Krankheit bezeichnet. Er war ein Gegner der Gingivaresektion, die damals praktiziert wurde und propagierte die Zahnsteinentfernung einschlieĂlich DĂŠbridement und Zahnpolitur. Ferner betonte er die Wichtigkeit der Mundhygiene zur Parodontitisprävention. Der Schriftsteller Mark Twain, der Riggs zur Behandlung seiner Parodontitis aufsuchte, brachte Riggs Fertigkeiten in seinem kurzen Essay Happy Memories of the Dental Chair zu Papier.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]
Im 19. Jahrhundert hatten die Parodontopathien zahlreiche Bezeichnungen, wie die 1746 erstmals von Pierre Fauchardcite-ref-6[6] als pathologische Erscheinung beschriebenecite-ref-7[7] AlveolarpyorrhĂśe (Blennorrhoea alveolaris), Alveolitis infectiosa, Caries alveolaris, Geissel medicorum, pyorrhee interalveolodentaire oder Pyorrhoea alveolaris. Ihre Behandlung beschränkte sich auf die Zahnsteinentfernung, das SchrĂśpfen der Gingiva und die Exzision des hyperplastisch veränderten Gewebes. In Deutschland gilt Oskar Weski (1879â1952) als Vorreiter in der Parodontalbehandlung. Er prägte 1921 die Begriffe Paradentium und Paradentose (die später durch die etymologisch korrekten Begriffe Parodontium und Parodontitis abgelĂśst worden sind).cite-ref-8[8]cite-ref-9[9]
Charles Cassedy Bass (1875â1975) versuchte sich an einer medikamentĂśsen Behandlung der Parodontitis. Er bezeichnete die Erkrankung noch als Pyorrhea, fĂźr die er Endameba buccalis (Entamoeba gingivalis) verantwortlich machte.cite-ref-10[10] Er entwickelte die Bass-Technik (RĂźtteltechnik) zum Zähneputzen.
Thomas B. Hartzell widerlegte die Bass-These und schlug eine grĂźndliche Entfernung des Zahnsteins in Kombination mit parodontalchirurgischen MaĂnahmen vor. 1922 verĂśffentlichten Paul R. Stillman und John Oppie McCall das erste maĂgebliche Fachbuch dieses Fachgebiets A Textbook of clinical periodontia.cite-ref-11[11] Er entwickelte die nach ihm benannte Stillman-Zahnputztechnik. Die Stillmanspalte (engl.: Stillmanâs cleft), ein spaltfĂśrmiger RĂźckgang des Zahnfleisches, geht auf ihn zurĂźck.cite-ref-12[12]
Ursachen
Die Parodontitis wird (wie Gingivitis) durch bakterielle Plaque (Zahnbelag) verursacht, einen zäh anhaftenden Biofilm. Hauptunterscheidungsmerkmal ist der bei der Parodontitis vorhandene, rĂśntgenologisch nachweisbare Knochenabbau, während die vertieften Zahnfleischtaschen bei der Gingivitis durch die entzĂźndliche Schwellung der Gingiva zustande kommen. Eine langandauernde Gingivitis (ZahnfleischentzĂźndung) kann auf den Kieferknochen, die Wurzelhaut und das Zement Ăźbergreifen. Der Ăbergang ist jedoch nicht zwangsläufig, gerade bei Kindern und Jugendlichen kann eine Gingivitis Ăźber Monate und Jahre bestehen, ohne auf andere Strukturen Ăźberzugreifen. Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt. Sowohl bei der Gingivitis als auch bei der Parodontitis werden aus dem Biofilm bakterielle Stoffwechsel- und Zerfallsprodukte freigesetzt, die Abwehrreaktionen des KĂśrpers auslĂśsen. Die Hauptrolle bei der GewebszerstĂśrung selbst spielt das eigene Immunsystem, das versucht, die Bakterien zu beseitigen. Diese Immunantwort besteht aus einer vielfältigen Abfolge von Reaktionen und Aktionen, bei der verschiedene EntzĂźndungsstoffe und -zellen beteiligt sind. Unter anderem werden Enzyme gebildet, die die Bakterien zerstĂśren sollen, jedoch auch zu einer ZerstĂśrung von Eigengewebe fĂźhren. Das fĂźhrt letztlich zum Verlust von Bindegewebe und Knochen. Das Ergebnis der Reaktion auf die Bakterien sind Zahnfleischbluten, Taschenbildung, ZurĂźckgehen des Zahnfleischs und schlieĂlich Lockerung und Verlust der Zähne.
Von den etwa 500 verschiedenen Bakterienspezies, die in der MundhĂśhle vorkommen kĂśnnen, sind nur wenige parodontalpathogen (krankheitserregend im Sinne einer Parodontitis). Diese werden auch als Hauptleitkeime bezeichnet und bilden sogenannte Cluster (Haufen), welche in ihrer Vergesellschaftung spezifisch sind. Sie sind obligat (immer) oder fakultativ (nach Bedarf) anaerobe, gramnegative, schwarzpigmentierte Bakterienarten.
Zu den Parodontitis-Markerkeimen zählen insbesondere:
⢠Aa, Aggregatibacter actinomycetemcomitans (alt: Actinobacillus actinomycetemcomitans)
⢠Pg, Porphyromonas gingivalis
⢠Pi, Prevotella intermedia
⢠Bf, Bacteroides forsythus (neu: Tannerella forsythia)
⢠Td, Treponema denticola
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass diese fakultativen und obligaten Anaerobier, die sich in der Tiefe von Zahntaschen entwickeln, eng mit der Ausbildung einer (progressiven) Parodontitis assoziiert sind.cite-ref-13[13]
Risikofaktoren
Obwohl das Immunsystem und die Anwesenheit bestimmter Bakterien die Hauptrolle bei der Entstehung einer Parodontitis spielen, gibt es einige Risikofaktoren, die die parodontale Gesundheit beeinflussen:
⢠Tabakkonsum: Raucher haben verglichen mit Nichtrauchern ein vier- bis sechsfach erhÜhtes Risiko, eine Parodontitis zu entwickeln.cite-ref-14[14]
⢠genetische Prädisposition. In letzter Zeit wurde durch verschiedene Fallstudien,cite-ref-15[15] aber auch in transversalen bevĂślkerungsrepräsentativen Studiencite-ref-16[16] der bis dato noch unbekannte groĂe Einfluss genetischer Prädisposition fĂźr das Krankheitsbild der Parodontitis erwiesen. Hier zeigt sich vor allem der Einfluss von Genotyp-Varianten im Bereich der Gene IL-1Îą (Interleukin), IL-1β und IL-1RN (Rezeptorantagonist).cite-ref-17[17]cite-ref-18[18] und Tumor-Nekrose-Faktor Îą (TNF-Îą).cite-ref-19[19] Dieser Zusammenhang ist auch fĂźr das Myeloperoxidase-Gen bekannt. DarĂźber hinaus konnte eine Assoziation zwischen dem genetischen Polymorphismus fremdstoffmetabolisierender Enzyme (Cytochrom P450, Glutathion-S-Transferase, N-Acetyltransferase) und dem Auftreten einer Parodontitis bewiesen werdencite-ref-20[20]cite-ref-21[21]cite-ref-22[22]
⢠Diabetes mellitus (insbesondere wenn der Blutzuckerspiegel schlecht eingestellt ist). Dieser Aspekt des Diabetes mellitus ist schon seit längerem bekannt und in verschiedenen Studiencite-ref-23[23] belegt worden.
⢠Schwangerschaft: Durch Hormonumstellung lockert das Bindegewebe auf, das Zahnfleisch schwillt an und Bakterien kÜnnen leichter in die Tiefe vordringen.
⢠offene Zahnkaries
⢠Mundatmung
⢠Bruxismus (zumeist stressbedingtes Zähneknirschen)
⢠allgemeine Abwehrschwäche, insbesondere âimmun-supprimierteâ Individuen (während oder nach Chemotherapie, Transplantationspatienten, HIV-Erkrankte etc.)
⢠unausgewogene Ernährung. FrĂźher spielte Vitaminmangel eine groĂe Rolle (Skorbut). Insgesamt scheint eine Ernährung arm an prozessierten Kohlenhydraten, aber reich an Omega-3 Fettsäuren, pflanzlichem Vitamin C, Vitamin D und Ballaststoffen parodontale EntzĂźndungen zu senken.cite-ref-24[24]
⢠ungßnstig lokalisierte Piercings im Mundraum (Lippe, Lippenbändchen, Zunge) oder Metallteile im Zuge einer kieferorthopädischen Behandlung.
⢠psychischer Stresscite-ref-25[25]
Parodontitis und Allgemeinerkrankungen
Schwere und Verlauf der Erkrankung werden auch durch die Wirtsreaktivität bestimmt, die durch eine Vielzahl von Allgemeinerkrankungen beeinflusst wird. Demgegenßber scheint die Parodontitis aber auch selbst systemische Erkrankungen zu beeinflussen, wobei fßr Diabetes oder chronisch ischämische Herz-Kreislauf-Erkrankungen von einer wissenschaftlichen Evidenz ausgegangen werden kann, fßr andere Konditionen und Erkrankungen muss diese noch endgßltig erbracht werden.cite-ref-26[26] Auch ein Zusammenhang von Parodontitis und reaktiver Arthritis wird diskutiert.cite-ref-doi10-1371-journal-ppat-1003627-27-0[27]
GefäĂerkrankungen
Es existieren zahlreiche Studien, welche einen Zusammenhang zwischen periodontalen Erkrankungen (z. B. Parodontitis, ZahnfleischentzĂźndung) und GefäĂerkrankungen (v. a. Arteriosklerose) nachweisen konnten. Ein Nachweis, ob dieser Zusammenhang kausal oder zufällig ist, existiert allerdings noch nicht.cite-ref-28[28]cite-ref-29[29]cite-ref-doi10-1371-journal-pone-0103449-30-0[30]
Diabetes
Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass Diabetiker â vor allem diejenigen mit schlecht eingestellten Blutzuckerwerten (HbA1c-Wert > 7) â ein hĂśheres Risiko fĂźr die Entstehung einer Parodontalerkrankung haben. Ein Mangel an Insulin, also ein erhĂśhter Blutzuckerwert, kann Ablagerungen an den kleinen GefäĂen (Kapillaren) zur Folge haben und diese in ihrer Funktion beeinträchtigen: Die Durchblutung lässt nach. Diese so genannten Mikroangiopathien wirken sich auf die Sauer- und Nährstoffversorgung des gesamten Gewebes aus, also auch auf das Zahnfleisch. Meistens verläuft bei diesen Patienten die Erkrankung in schwererer Ausprägung als bei Nichtdiabetikern. Besonders gefährdet sind Diabetiker, die älter als 40 sind, denn die Schwere der Parodontitis nimmt mit der Dauer des Diabetes zu. Zudem kann eine Infektion des Zahnhalteapparates, wie alle Infektionen, zu Schwierigkeiten bei der Kontrolle des Blutzuckerspiegels fĂźhren und damit die Einstellung der Blutzuckerwerte erschweren.
Schwangerschaft
Seit Anfang der 1990er Jahre weià die zahnmedizinische Forschung um den Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankungen (Parodontal-Erkrankung) und dem erhÜhten Risiko von Frßhgeburten bzw. Neugeborenen mit unterdurchschnittlichem Geburtsgewicht. Einige Studien belegen, dass das Risiko einer Frßhgeburt oder eines untergewichtigen Neugeborenen bei Frauen mit einer Parodontitis fast achtmal so hoch ist wie bei Frauen mit gesunden Zähnen und Zahnfleisch.
Alzheimer-Krankheit
Mehrere Studien zeigen einen engen Zusammenhang zwischen Parodontitis und einer Erkrankung an Morbus Alzheimer.cite-ref-pmid28219071-32-0[32] Beide Erkrankungen haben einen inflammatorischen Ursprung.cite-ref-pmid29085294-31-1[31] Anfänglich wurde die Assoziation zwischen beiden Erkrankungen so interpretiert, dass mit der Progression der Alzheimer-Krankheit die Mundhygiene nachlässt und so die Entstehung, beziehungsweise beschleunigte Progression einer bestehenden Parodontitis gefÜrdert wird. Ursache wäre in diesem Fall die Alzheimer-Krankheit und Wirkung die Parodontitis. Neuere Studienergebnisse (ab etwa 2017) legen jedoch nahe, dass eine bestehende Parodontitis die Ursache fßr Alzheimer sein kann. Dabei werden unter anderem Mechanismen diskutiert, die eine direkte Invasion oraler Pathogene, wie beispielsweise Treponema denticola und Treponema socranskii aus der Wurzelhaut ßber die Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn beschreiben.cite-ref-pmid28232969-33-0[33] Der Verdacht, dass Parodontitis zu Alzheimer fßhren kann, besteht seit dem Jahr 2008.cite-ref-pmid18631974-34-0[34]
2019 sorgte eine Studie fßr Aufsehen, bei der die Autoren sowohl das Bakterium Porphyromonas gingivalis als auch seine Stoffwechselprodukte im Gehirn von Alzheimer-Patienten nachweisen konnten. Wichtige Stoffwechselprodukte sind dabei toxische Proteasen mit dem Namen Gingipain. Im Labor konnten die Autoren in vitro und in vivo zeigen, dass Gingipaine die Fähigkeit haben, die Struktur von Tau-Proteinen zu beeinflussen. Bei Mäusen konnte ein oral applizierter Proteaseinhibitor die Vermehrung der Erreger und die fortschreitende Neurodegeneration stoppen.cite-ref-35[35]cite-ref-wissensc-590661-36-0[36] Der in der Studie verwendete Inhibitor COR388 befindet sich seit Dezember 2017 in einer klinischen Phase-I-Studie mit gesunden Probanden.cite-ref-37[37] Eine weitere, randomisierte, Placebo-kontrollierte, Doppelblindstudie in Phase I mit Alzheimer-Patienten wurde mit dieser Substanz im Februar 2018 begonnen.cite-ref-38[38]
Verlauf
In den meisten Fällen handelt es sich um ein chronisch schubweise verlaufendes Geschehen. Dieses tritt vorwiegend bei Erwachsenen auf, ist nur selten schmerzhaft und fĂźhrt, von den Betroffenen zumeist unbemerkt, erst nach Jahren zu Zahnlockerungen. Der Zahnfleischsaum bietet dabei fĂźr Bakterien einen relativen Schutz vor der Selbstreinigung der MundhĂśhle durch Zunge und Speichel. Beim Gesunden garantiert das sogenannte Saumepithel durch seine Anhaftung am Schmelz eine kontinuierliche Oberfläche zwischen Zahnfleisch und Zahn. Wird die Plaque in diesen Nischen nicht sorgfältig entfernt, greifen die Ausscheidungsprodukte der Mikroorganismen (Exotoxine) das Saumepithel an und einige Bakterien sind sogar in der Lage, das Epithel zu durchwandern. Der KĂśrper reagiert auf solche Angriffe mit der Einwanderung von Abwehrzellen aus dem Blut. Dabei bilden die neutrophilen Granulozyten und die Makrophagen einen Schutzwall gegen das weitere Vordringen von FremdkĂśrpern. Nach und nach werden so die Eindringlinge zerstĂśrt und phagozytiert (âgefressenâ). Dabei werden verschiedene Endotoxine freigesetzt. Sowohl die Exotoxine, als auch die Endotoxine und einige Zerfallsprodukte der KĂśrperabwehrzellen stellen einen Reiz dar. Um das umliegende Gewebe vor diesen Reizen zu schĂźtzen und einem Vordringen der EntzĂźndung in die Tiefe vorzubeugen, aktiviert der KĂśrper u. a. Osteoklasten. Deren Aufgabe ist ein zielgerichteter Ab- und Umbau des Knochengewebes.
Bei einer guten KÜrperabwehr kÜnnen die Mikroorganismen lange davon abgehalten werden, in die Tiefe vorzudringen. Die Kräfteverhältnisse in diesem Kampf sind jedoch sehr labil. Eine Verschlechterung der KÜrperabwehr, eine starke Vermehrung von Bakterien oder eine Veränderung der Aggressivität der Mikroorganismen fßhrt dann zum Fortschreiten des Entzßndungsgeschehens in die Tiefe. So kommt es im Verlauf zu einem stetigen Knochenverlust, der nur durch eine vollständige Entfernung der Reize gestoppt werden kann. Auf RÜntgenbildern erscheint der Knochenverlust vorwiegend horizontal, da die Osteoklasten in Ruhephasen der Entzßndung das zerklßftete Knochengewebe ausformen und so an die neuen Gegebenheiten anpassen. Aufgrund des langsamen und langen Krankheitsverlaufs wird diese Form der Entzßndung als chronische Parodontitis bezeichnet.
Davon wird die aggressive Parodontitis unterschieden, welche rasch zu umfangreichem Knochenverlust fßhrt und manchmal schon im Kindesalter auftritt. Darum wurde sie in der frßheren Nomenklatur als juvenile Parodontitis bezeichnet. In RÜntgenbildern erscheint der Knochenverlust bei diesem schnell fortschreitenden Verlauf als scharfkantiger vertikaler Krater entlang der Wurzeloberfläche, da keine Ummodellation stattgefunden hat. Als Ursachen fßr diese seltenere Form werden besonders aggressive Erreger und/oder eine nicht funktionierende lokale Abwehr der bakteriellen Reize diskutiert.
Da die Entzßndungen in den Tiefen der parodontalen Taschen fortschreiten, ist eine Diagnose ohne zahnärztliche Hilfsmittel fßr Betroffene oft schwierig. Folgende Anzeichen kÜnnen auf eine Erkrankung des Zahnhalteapparats hindeuten und sollten vom Zahnarzt abgeklärt werden:
⢠Gingivitiszeichen
⢠RÜtungen, Schwellungen und Berßhrungsempfindlichkeit des Zahnfleisches
⢠in aktiven EntzĂźndungsstadien auĂerdem
⢠Mundgeruch (Halitosis)
⢠Eiterbildung am Zahnfleisch
⢠bei fortgeschrittenem Verlauf
⢠ZahnfleischrĂźckgang (âdie Zähne scheinen länger zu werdenâ)
⢠Zahnlockerung/-wanderung.
PanoramarĂśntgenaufnahme
Ausschnitt aus einer PanoramarÜntgenaufnahme einer fortgeschrittenen Parodontitis im linken Unterkiefer mit einem Knochenabbau zwischen 30 % und 80 %. Die rote Linie zeigt den aktuellen Knochenverlauf. Die gelbe Linie zeigt den ursprßnglichen Verlauf des Zahnfleischsaums, der etwa 1 bis 2 mm ßber der physiologischen Knochengrenze verläuft. Der pinkfarbene Pfeil rechts zeigt eine freiliegende Bifurkation. Der blaue Pfeil in der Mitte zeigt auf einen besonders starken Knochenabbau. Der umkreiste Bereich weist einen besonders aggressiven Verlauf der Parodontitis im Bereich der unteren Frontzähne auf.
Prophylaxe
Um einer Parodontitis vorzubeugen, sollte neben dem eigentlichen Zähneputzen mit der ZahnbĂźrste auf eine Zahnzwischenraumpflege mit Zahnseide oder InterdentalbĂźrsten und eine Entfernung von Belägen auf dem ZungenrĂźcken geachtet werden. Bei regelmäĂigen Kontrollen beim Zahnarzt in Verbindung mit einer professionellen Zahnreinigung alle sechs Monate kĂśnnen Putznischen gesäubert und Hilfestellungen bei der häuslichen Mundhygiene gegeben werden. Bei erhĂśhtem Risiko, zum Beispiel durch Schwangerschaft oder starken Stress, kĂśnnen die Prophylaxeintervalle beim Zahnarzt verkĂźrzt werden, um frĂźhestmĂśglich auf Veränderungen des Parodonts reagieren zu kĂśnnen. Die genannten Risikofaktoren (wie Nikotinabusus, Diabeteseinstellung) sind zu verringern.
Zur Prophylaxe kÜnnen auch BLIS (bakteriozin ähnliche hemmende Substanzen) eingesetzt werden.cite-ref-zppm-39-0[39]
Die Folgen des Zahnverlusts, vor allem die zum Teil sehr kostenintensiven prothetischen MaĂnahmen, welche sich oft an eine parodontologische Behandlung anschlieĂen, sowie die Erkenntnis Ăźber die allgemeinmedizinischen Zusammenhänge haben zur Folge, dass der Diagnose, Behandlung und vor allem der Vorbeugung dieser Erkrankung eine immer grĂśĂere Bedeutung zukommt. Parodontitis ist wie eine Volkskrankheit â fast jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens irgendwann mehr oder weniger stark davon betroffen. In der Altersgruppe Ăźber vierzig Jahren gehen mehr Zähne durch Parodontitis verloren als durch Karies.
Diagnostik
Eine umfassende Diagnostik bestimmt Art, Schwere und Verlauf der Erkrankung. Klinisch beurteilt man den Gesamtzustand des Gebisses, die Zahnlockerung, die Tiefe der Taschen (Screening mittels Parodontalem Screening-Index (PSI)), die mittels Parodontalsonden festgestellt wird, den ZahnfleischrĂźckgang und die Mundhygiene des Patienten. AuĂerdem wird durch RĂśntgenaufnahmen der Knochenverlauf festgestellt. In manchen Fällen werden ergänzend mikrobiologische (Nachweis bestimmter parodontalpathogener Bakterien) und genetische (Nachweis einer genetischen Veranlagung) Tests durchgefĂźhrt. Auch eine Ăberweisung zum Allgemeinmediziner zum Ausschluss einer systemischen Erkrankung (Diabetes, HIV, Leukämie etc.) kann nĂśtig sein.
Nekrotisierende Parodontalerkrankungen
Unter den nekrotisierenden Parodontalerkrankungen werden die nekrotisierende ulzerierende Gingivitis (NUG) und die nekrotisierende ulzerierende Parodontitis (NUP) zusammengefasst. Beide Formen zeigen klinisch ein ähnliches Erscheinungsbild mit interdentalen gingivalen Nekrosen und Blutungen, starken Schmerzen, ausgeprägtem Foetor ex ore (Mundgeruch) und Pseudomembranen. Bei der NUP kommt es zusätzlich zu einem Verlust von parodontalem Stßtzgewebe. In schweren Fällen kÜnnen zusätzlich eine Lymphadenopathie, ein allgemeines Krankheitsgefßhl und Fieber auftreten.
Therapie
Die Therapie besteht darin, den EntzĂźndungszustand des Zahnfleischs und des Zahnhalteapparats zu beseitigen und Plaque und Zahnstein sowie entzĂźndungsfĂśrdernde Faktoren und die pathogene Bakterienflora zu beseitigen. Die Behandlung gliedert sich in verschiedene Phasen mit unterschiedlichen MaĂnahmen.
In der sogenannten Hygienephase werden alle supragingival (oberhalb des Zahnfleischrands) gelegenen harten und weichen Beläge entfernt (professionelle Zahnreinigung, PZR). Dabei wird dem Patienten auch gezeigt, wie er zu Hause eine optimale Zahnpflege betreiben kann. Dieser Vorgang muss meist wiederholt werden. AuĂerdem mĂźssen in dieser Phase bei Bedarf FĂźllungen oder WurzelfĂźllungen gelegt oder erneuert und nicht erhaltungswĂźrdige Zähne extrahiert werden. Dadurch werden weitere Bakterienherde in der MundhĂśhle eliminiert. Durch verschiedene SpĂźlflĂźssigkeiten oder Medikamente kann das Bakterienwachstum kontrolliert und verringert werden. Allein durch diese HygienemaĂnahmen kann bei vielen Betroffenen schon eine merkliche Besserung erreicht werden.
Im Anschluss beginnt bei Bedarf die sogenannte geschlossene Behandlungsphase, bei der die subgingival (unterhalb des Zahnfleischrands) liegenden harten und weichen Beläge entfernt werden (geschlossenes Debridement). Dies geschieht mit KĂźretten (speziell geformten Handinstrumenten), mit schall- und ultraschallbetriebenen Geräten oder unter Anwendung bestimmter Laser. Nach zwei bis drei Wochen Heilungszeit wird das Ergebnis dieser Behandlung kontrolliert, indem erneut die Sondierungstiefen gemessen und wenn nĂśtig die MaĂnahmen an einzelnen Stellen wiederholt werden.
Bei sehr tiefen Zahnfleischtaschen (Ăźber sechs Millimeter), welche durch die HygienemaĂnahmen und die geschlossene Behandlung nicht ausreichend zurĂźckgegangen sind, kann es notwendig sein, in die offene Behandlungsphase Ăźberzugehen. Dabei werden die Bereiche chirurgisch erĂśffnet, damit die MaĂnahmen der geschlossenen Behandlung unter Sicht wiederholt werden kĂśnnen. In diesem Fall ist es zum Teil auch mĂśglich, erĂśffnete und gesäuberte Knochentaschen mit Knochenersatzmaterialien (Guided Bone Regeneration, GBR) aufzufĂźllen oder mit Membranen abzudecken (Guided Tissue Regeneration, GTR). Die letzteren beiden MaĂnahmen sind jedoch keine Vertragsleistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung.
Unter bestimmten Voraussetzungen (aggressive, schnell verlaufende Formen der Parodontitis) ist es sinnvoll, die Behandlung durch die Anwendung von Antibiotika und/oder der âFull Mouth Disinfectionâ-Therapie zu ergänzen. Metronidazol findet Anwendung in der unterstĂźtzenden Antibiosetherapie bei Parodontitis mit Anaerobierbefall, etwa Porphyromonas gingivalis. In einer Schweizer Feldstudie konnten mikrobiologisch fĂźnf parodontale Typen (Vergesellschaftungen von Bakterien) nachgewiesen werden, welche verschieden zu therapieren sind: Bei drei Typen genĂźgte eine KĂźrettage, bei zwei Typen mussten zusätzlich bestimmte Antibiotika verabreicht werden. Diese kĂśnnen in Tablettenform (systemisch) gegeben werden oder sie werden direkt in die Zahnfleischtasche eingebracht (lokal). In beiden Fällen ist es von Vorteil, vorher eine Keimbestimmung durchzufĂźhren, um mĂśglichst zielgerichtet zu behandeln. Es ist jedoch sinnlos, die Infektion mit Antibiotika zu therapieren, ohne die Zähne vorher zu reinigen. Die Bakterien sind in ihrem Biofilm vor der Einwirkung des antibiotischen Medikaments fast vollkommen geschĂźtzt. Erst durch die ZerstĂśrung des Biofilms werden die Bakterien fĂźr die Antibiotika zugänglich.
Eine weitere lokale medikamentÜse Behandlungsmethode (zusätzliche direkte Einbringung in die Zahnfleischtasche) ist die mit einem antiseptischen Chlorhexidinchip. Dieser sorgt fßr eine nachhaltige Keimfreiheit in der entzßndeten Zahnfleischtasche und baut sich biologisch von selbst ab. Da es sich oftmals um eine chronische Form der Parodontitiserkrankung handelt, hat der Chlorhexidinchip zudem den Vorteil, dass die Keime keine Antibiotikaresistenz entwickeln, da es sich bei Chlorhexidin nicht um ein Antibiotikum handelt.
Als Adjuvans wird die antimikrobielle photodynamische Therapie angewandt. Hierbei werden nach der instrumentellen Reinigung die entzĂźndungsauslĂśsenden Mikroorganismen mit Hilfe einer FarbstofflĂśsung angefärbt und anschlieĂend mit einem Niedrigenergielaser (Diodenlaser) belichtet. Die Folgereaktion fĂźhrt zur Bildung von aggressivem Sauerstoff, der die Bakterien zerstĂśren soll, auch im Biofilm.cite-ref-40[40]
Dass die Ernährung dabei eine groĂe Rolle spielt, zeigten aktuell Forscher der Universitäten WĂźrzburg und Hohenheim. In einer klinischen Studie, in der die Patienten reichlich Kopfsalatsaft konsumierten, der groĂe Mengen an pflanzlichem Nitrat enthält, ging das AusmaĂ der ZahnfleischentzĂźndung zurĂźck.cite-ref-41[41]
Beurteilung durch das IQWiG
Welche Vor- und Nachteile verschiedene Behandlungen bei entzßndlichen Erkrankungen des Zahnhalteapparates bieten, ist Gegenstand einer Untersuchung des Instituts fßr Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Dieses meint in einem Vorbericht vom 24. Januar 2017, dass es zwar sehr viele Studien zu Parodontopathien gäbe. Diese seien aber sehr häufig nicht verwertbar. Aussagekräftige Studiendaten, die relevante Unterschiede in den Behandlungsergebnissen zeigten, gäbe es nur zu zwei Therapien:
⢠zur geschlossenen mechanischen Therapie (GMT) im Vergleich zu keiner Therapie und
⢠zu einem individuell angepassten Mundhygiene-Schulungsprogramm im Vergleich zu einer Standardunterweisung.
Es lieĂe sich aus den verfĂźgbaren Daten ein Anhaltspunkt fĂźr einen (hĂśheren) Nutzen der GMT respektive der mit einem individuell angepassten Mundhygiene-Schulungsprogramm kombinierten GMT ableiten.cite-ref-42[42] Der Vorbericht stieĂ auf massive Kritik der einschlägigen Fachgesellschaften. âMit seiner starren Methodik schlieĂe das IQWiG zahlreiche international anerkannte Studienergebnisse bei der Bewertung ausâ.cite-ref-43[43]cite-ref-44[44]
Prognose
Rechtzeitig und richtig behandelt kann einer Parodontitis fast immer Einhalt geboten werden, allerdings ist diese Behandlung zum Teil sehr langwierig und immer stark von der Mitarbeit des Patienten abhängig. Da die Parodontitis ein Ausdruck eines erfolgreichen bakteriellen Angriffs gegen die einst intakte Grenze Zahn-Zahnfleisch ist, muss sich jeder Betroffene im Klaren sein, dass selbst nach erfolgreicher Beseitigung dieser EntzĂźndung die Gefahr des RĂźckfalls fortbesteht. Darum ist auch nach Beendigung der eigentlichen Therapie eine regelmäĂige Nachsorge nĂśtig, um einem erneuten Aufflammen der EntzĂźndung frĂźhestmĂśglich entgegenzuwirken.
Unbehandelt fĂźhrt die Parodontitis fast immer zu Zahnverlust und daraus folgend zu ästhetischen und funktionellen Beeinträchtigungen. AuĂerdem ist Parodontitis ein Risikofaktor fĂźr allgemeinmedizinische Erkrankungen. So gilt ein Zusammenhang zwischen parodontalen Erkrankungen und erhĂśhtem Risiko fĂźr das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt), Diabetes mellitus und Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises als wissenschaftlich gesichert. In neueren Untersuchungen konnte auĂerdem gezeigt werden, dass eine unbehandelte Parodontitis das Risiko von FrĂźhgeburten um das Siebenfache steigert und auch niedriges Geburtsgewicht ursächlich mit einer Parodontitis zusammenhängen kann.
Erhaltungstherapie
Nach einer Parodontitisbehandlung ist eine lebenslange Erhaltungstherapie notwendig, die aus einer regelmäĂigen Mundhygiene durch den Patienten und ebenso regelmäĂig durchgefĂźhrten professionellen Zahnreinigungen durch den Zahnarzt bzw. eine entsprechend fortgebildete Zahnmedizinische Fachangestellte besteht. Letztere werden je nach Schweregrad der Erkrankung vierteljährlich bis halbjährlich durchgefĂźhrt.
Abrechnung von Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung
In Deutschland haben die gesetzlichen Krankenkassen die Parodontalbehandlung mit Wirkung vom 1. Januar 2004 neu organisiert. Damit sollen die Frßherkennung von langsam fortschreitenden Parodontalerkrankungen gefÜrdert und gleichzeitig der Patient zur verstärkten Eigenleistung animiert werden. Die Idee dahinter ist, dass der Patient selbst eine gute Mundhygiene als beste Prophylaxe sicherstellen soll. Die BEMA-Ziffer 04 wurde neu in den Leistungskatalog aufgenommen: Einmal alle zwei Jahre ist die Erstellung eines Parodontalen Screening-Indexes (PSI) zu Lasten der Krankenkasse abrechenbar. Seither kann die Entfernung des Zahnsteins (BEMA-Ziffer 107) im Rahmen der GKV nur noch einmal im Jahr abgerechnet werden. Stattdessen sollen Patienten bei Bedarf Prophylaxeleistungen mit dem Vertragszahnarzt privat vereinbaren und die Kosten selbst ßbernehmen. Die HÜhe der diesbezßglichen Kosten ist patienten-, krankheits- und praxisbedingt unterschiedlich (Anzahl der zu reinigenden Zähne, Verschmutzungsgrad, Zahnstellung etc.). Teilweise gewähren Gesetzliche Krankenkassen einen Zuschuss zur Professionellen Zahnreinigung (PZR), teilweise werden die Kosten durch Zahn-Zusatzversicherungen ßbernommen. Daneben gehÜrt eine ganze Reihe von Parodontitis-Therapieverfahren bzw. Begleittherapien nicht zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung, beispielsweise:
⢠augmentative Verfahren (Knochenaufbauverfahren),
⢠freie Ginigivatransplantate (Verpflanzung von Zahnfleisch),
⢠Knochentransplantate,
⢠funktionstherapeutische Leistungen,
⢠Verbreiterung der fixierten Gingiva,
⢠professionelle Zahnreinigung,
⢠mehr als einmal in zwei Jahren erfolgte Erhebung des parodontalen Screening-Index,
⢠wiederholte Befundung mittels Parodontalstatus.
Diese Leistungen kĂśnnen bei Privatpatienten oder durch private schriftliche Zusatzvereinbarung vor Beginn der Behandlung bei Kassenpatienten erbracht werden kĂśnnen.
In Ăsterreich und in der Schweiz wird die Parodontitistherapie nicht von den Sozialversicherungsträgern Ăźbernommen und besteht zu groĂen Teilen aus Privatleistungen.cite-ref-45[45] Manche gesetzliche Krankenkassen gewähren bei der Parodontitistherapie ZuschĂźsse, nach Einreichung der Dokumentation.cite-ref-46[46] Zahnzusatzversicherungen decken die Kosten einer Parodontitistherapie in der Regel.
Richtlinien der GKV zur Parodontitistherapie
Um fßr eine Parodontitistherapie die Kostenzusage durch eine Krankenkasse zu erhalten, muss diese zunächst bei der Krankenkasse mittels eines Parodontalstatus schriftlich beantragt und genehmigt werden. Grundlage fßr eine Leistungszusage sind die BEMA-Richtlinien,cite-ref-47[47] die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) verabschiedet wurden. Folgende Punkte finden sich dazu in den Richtlinien.
Mitwirkung des Patienten
âDer Zahnarzt hat den Patienten in allen Therapiephasen Ăźber die Notwendigkeit der aktiven Mitwirkung zu informieren. Die Mitwirkung besteht darin, dass sich der Patient nach seinen individuellen MĂśglichkeiten aktiv bemĂźht, exogene und endogene Risikofaktoren zu reduzieren, an den notwendigen Behandlungsterminen teilzunehmen und eventuell eingesetzte Therapiemittel indikationsgerecht anzuwenden. Vor und während der Parodontitisbehandlung ist zu ĂźberprĂźfen, in welchem Umfang eine Parodontitisbehandlung nach diesen Richtlinien angezeigt ist und dem Wirtschaftlichkeitsgebot entspricht. Dies hängt besonders von der Mitarbeit des Patienten ab. Patienten, die trotzdem nicht ausreichend mitarbeiten oder unzureichende Mundhygiene betreiben, hat der Zahnarzt erneut auf die Notwendigkeit der Mitwirkung hinzuweisen und darĂźber aufzuklären, dass die Behandlung eingeschränkt oder ggf. beendet werden muss. Stellt der Zahnarzt fest, dass der Patient nicht ausreichend mitarbeitet, hat der Zahnarzt das Behandlungsziel neu zu bestimmen und ggf. die Behandlung zu beenden, wenn eine Verhaltensänderung des Patienten in absehbarer Zeit ausgeschlossen erscheint oder wenn er in einem weiteren Behandlungstermin feststellt, dass eine wesentliche Verhaltensänderung nicht erfolgt ist. Der Zahnarzt hat hierĂźber die Krankenkasse zu unterrichten. Die Behandlung kann erst dann fortgefĂźhrt werden, wenn die Voraussetzungen gemäà Nr. 1 Absatz 2 vorliegen.â
â
Richtlinien B, V. 4.1
Vorbehandlung
Weitere Voraussetzung fĂźr die KostenĂźbernahme durch die GKV ist die DurchfĂźhrung aller notwendigen VorbehandlungsmaĂnahmen, um das Gebiss in einen Zustand zu versetzen, den der Patient selbst sauber halten kann. Ferner mĂźssen alle chirurgischen und konservierenden Leistungen vorab erfolgt sein, zum Beispiel die Extraktion nicht erhaltungsfähiger Zähne, FĂźllungen und Wurzelkanalbehandlungen. Hierzu gehĂśren beispielsweise
⢠die Prßfung der Erhaltungswßrdigkeit des jeweiligen Zahnes
⢠eine Zahnfleischtaschentiefe von mindestens 3,5 mm
⢠die ĂberprĂźfung des Lockerungsgrades des jeweiligen Zahnes
⢠die Auswertung der RÜntgenaufnahmen
⢠die Prßfung der Vitalität der Zähne
⢠offenes Vorgehen
⢠geschlossenes Vorgehen
Die Kosten fĂźr eventuelle Zusatzleistungen wie beispielsweise
⢠Laserbehandlungen
⢠Bestimmung der Bakterienarten
⢠Bestimmung des genetischen Risikos
kĂśnnen mit gesetzlich versicherten Patienten privat vereinbart werden. Die unterstĂźtzende Parodontitistherapie (Kontroll- und Nachbehandlungen nach der von der Krankenkasse getragenen Hauptbehandlung), die sog. Erhaltungstherapie, ist weitgehend Privatleistung.
Werden dabei Leistungen erbracht, die ßber das Wirtschaftlichkeitsgebot gemäà § 12 SGB V hinausgehen (vor allem hÜherwertige Fßllungen oder Nichtvertragsleistungen), so sind sie privat mit dem Patienten zu vereinbaren.
Die DurchfĂźhrung einer Parodontitisbehandlung darf â wie die DurchfĂźhrung jeder anderen vertragszahnärztlichen Leistung â nicht von einer privaten Zuzahlung oder Privatleistung abhängig gemacht werden.
Begutachtung
Die Krankenkassen kÜnnen die Kostenßbernahmeerklärung von einer Begutachtung durch einen durch die Krankenkassen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen einvernehmlich bestellten Gutachter abhängig machen. Der Gutachter ßberprßft dabei die Einhaltung der BEMA-Richtlinien. Wird die Behandlung durch den Gutachter nicht befßrwortet, kann ein Obergutachterverfahren eingeleitet werden. Die Obergutachter werden auf Bundesebene bestellt.
PA-Behandlung
Im Anschluss an die Vorbehandlung, ggf. Begutachtung und Genehmigung kann die eigentliche Parodontitisbehandlung beginnen, welche die Krankenkasse im Umfang der BEMA-Richtlinien Ăźbernimmt.
MaĂnahmen zur Sicherung des Behandlungserfolges
Die BEMA-Richtlinien schreiben ebenfalls vor, dass die regelmäĂige Untersuchung des Patienten nach Abschluss einer systematischen Behandlung von Parodontopathien (Erkrankungen des Zahnhalteapparats) wegen der Gefahr einer bakteriellen Wiederbesiedlung der Taschen erforderlich ist. Lokale MaĂnahmen an einzelnen Parodontien sind gegebenenfalls zu wiederholen.
Die erste Nachuntersuchung sollte bei geschlossenem Vorgehen nach sechs Monaten und nach offenem Vorgehen spätestens nach 3 Monaten erfolgen.
Epidemiologie
Fast 12 Millionen Deutsche leiden an Parodontitis. Mehr als die Hälfte der 35- bis 44-Jährigen litt 2007 in Deutschland an Parodontitis, etwa 20 Prozent sogar an einer schweren Form. Dies ergab die Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV), erstellt vom Institut der Deutschen Zahnärzte im Auftrag der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) und der Bundeszahnärztekammer. Ein Grund fßr den Anstieg parodontaler Erkrankungen ist die verbesserte Mundgesundheit: Aufgrund der guten Kariesprophylaxe und zahnärztlicher Versorgung behalten ältere Menschen ihre eigenen Zähne immer länger. Die Zähne sind mit zunehmendem Alter aber einem hohen Parodontitis-Risiko ausgesetzt. Zum Beispiel leiden mehr als 40 Prozent der 65- bis 74-Jährigen an einer schweren Form der Parodontitis.cite-ref-49[49]
In einer WHO-Studie zur Epidemiologie der Parodontitis wurde festgestellt, dass die Parodontitis in ihrer schweren Form bei etwa 10 bis 15 Prozent der BevÜlkerung auftritt.cite-ref-50[50] Die weltweiten Produktivitätsverluste aufgrund von Parodontitis werden auf ca. 54 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt.cite-ref-51[51]
Tiere
â
Hauptartikel
:
Parodontitis beim Hund
Auch Tiere, beispielsweise Hunde und Katzen, kĂśnnen von Parodontitis betroffen sein. Der Verlauf ähnelt dem beim Menschen. Auch hier stellen regelmäĂige Kontrollen und die Zahnsteinentfernung die häufigsten Behandlungsmethoden dar.
Literatur
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⢠Zahnmedizinische Patienteninformationen - Ăbersicht. In: Internet-Portal. Deutsche Gesellschaft fĂźr Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde e. V. (DGZMK), abgerufen am 9. Januar 2025.
Weblinks
Commons
: Parodontitis
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Parodontitis
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
⢠Parodontitis und Herzinfarkt Universität Kiel
⢠Deutsche Gesellschaft fßr Parodontologie
⢠Ăsterreichische Gesellschaft fĂźr Parodontologie
⢠Schweizerische Gesellschaft fßr Parodontologie
⢠European Federation of Periodontology
⢠Abteilung fßr Parodontologie Julius-Maximilians-Universität Wßrzburg
⢠S3-Leitlinie Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III â Die deutsche Implementierung der S3-Leitlinie âTreatment of Stage IâIII Periodontitisâ der European Federation of Periodontology (EFP) der Deutschen Gesellschaft fĂźr Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde e. V. (DGZMK) und der Deutschen Gesellschaft fĂźr Parodontologie e. V. (DG PARO). In: AWMF online (Stand 12-2020)
Einzelnachweise
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